Zwei Männer im Nest

8. September 2010, Süddeutsche Zeitung
Bei etlichen Vogelarten haben Wissenschaftler Homosexualität beobachtet. In einigen Fällen gibt es Hinweise darauf, dass das Verhalten den Erfolg von Brutkolonien begünstigt.

Bei den Schwänen gehen unterbeschäftigte
Papas fremd. Und zwar am liebsten mit
anderen unterbeschäftigten Papas.
(Bild: Mindaugas Urbonas)
Als Zuckerfigürchen zieren sie oft Hochzeitstorten, weil sie als Sinnbild für die perfekte Ehe gelten: die Schwäne. Verlieben sich Männchen und Weibchen erst einmal, bleiben sie sich ein Leben lang treu. Doch die Schwäne selbst halten sich nicht sehr strikt an die biedere Rolle, die ihnen der Mensch zugedacht hat. Vor allem die Männchen haben es faustdick hinter den Ohren und neigen zu außerehelichen Liebschaften. Dabei turteln sie nicht etwa mit anderen Weibchen herum, sondern mit Männchen. Schwäne sind schwule Ehebrecher.

Homosexuelles Verhalten bei Vögeln haben Wissenschaftler bis heute bei nur 130 Arten beobachten können. Warum es dazu kommt, ist in den meisten Fällen unklar. Nun ist jedoch ein australischer Forscher auf einen erstaunlichen Zusammenhang gestoßen. Demnach neigen Vögel besonders dann zu außerehelichen homosexuelle Beziehungen, wenn sie bei der Aufzucht der Jungen nur wenig mithelfen müssen. Mit anderen Worten: Hat ein Männchen zu viel Freizeit, flirtet es vermehrt mit anderen Männchen. Dasselbe gilt auch für die Weibchen.

Zu diesem etwas eigenartigen Resultat kam Geoff MacFarlane von der Universität von Newcastle an der Ostküste Australiens. Er durchforstete die wissenschaftliche Literatur der letzten 125 Jahre nach publizierten Beobachtungen. Seine Ausbeute war in diesem ornithologischen Niemandsland ziemlich mager. In nur 112 Publikationen wurde er fündig. Haben die Forscher Angst davor, dieses gesellschaftlich heikle Thema anzufassen? Vielleicht, sagt MacFarlane, fügt jedoch hinzu: „Ein Grund dafür mag auch sein, dass Homosexualität bei den meisten Arten selten ist. Das heißt, man muss viel Zeit mit Beobachten verbringen, bevor man ein entsprechendes Verhalten überhaupt erst zu Gesicht bekommt.“

Nichtsdestotrotz tauchten unter den Arten mit homosexuellen Neigungen ein paar sehr prominente Namen auf. Zum Beispiel unsere gute alte Graugans, der Bartgeier, die Stockente, der Strauss oder Australiens Nationalvogel, der Kookaburra. Freilich waren nicht alle von ihnen in gleichem Maße dem eigenen Geschlecht zugetan. Schwänen beispielsweise bleiben konsequent auf der Stufe des harmlosen Flirts. Während seine Angebetete die Eier ausbrütet, nimmt sich das Männchen ab und zu die Zeit, mit anderen Männchen zu balzen. Mehr aber auch nicht. Da geht es beim westamerikanischen Annakolibri schon ganz anders zu und her. Ein Viertel des Geschlechtsverkehrs findet nicht zwischen Männchen und Weibchen statt, sondern zwischen Männchen und Männchen.

Aber wozu soll das gut sein? So eindeutig MacFarlanes Befund auch ist, über den Zweck kann er im Moment nur rätseln. Vorsichtig tastet er nach einer Hypothese: Wer sich wenig um den Nachwuchs kümmern müsse, habe mehr Gelegenheiten sich nach zukünftigen Partnern umzuschauen. Dabei sei die Homosexualität einfach ein Zeitvertreib, der beibehalten werde, solange er dem Fortpflanzungserfolg nicht schade, wie MacFarlane meint.

Einzelne Beispiele zeigen indes, dass es von großem Vorteil sein kann, bei der Partnerwahl nicht so sehr auf das Geschlecht zu schauen. Bartgeier zum Beispiel halten mit gleichgeschlechtlichem Sex ihre Aggressionen im Zaum. Normalerweise leben Männchen und Weibchen in monogamen Beziehungen. Doch es kommt immer wieder vor, dass ein Weibchen eine Partnerschaft zu zwei Männchen gleichzeitig eingeht. Vor der Eiablage paart es sich mehrmals mit beiden Nebenbuhlern. Diese wissen danach nicht, wer der tatsächliche Vater ist und kümmern sich darum beide um Nahrungsbeschaffung und Verteidigung des Nests.

Bemerkenswert ist, dass die Männchen während der ganzen Zeit immer wieder Geschlechtsverkehr miteinander haben. Der spanische Forscher Antoni Margalida und seine Kollegen beobachteten vierhundert Stunden lang brütende Bartgeier-Trios. 37 Mal kam es dabei zu Sex zwischen den Männchen. „Wir glauben, dass damit aggressives Verhalten abgebaut wird“, sagt Margalida. Dem Küken können seine schwulen Väter nur recht sein. Denn wenn die sich gut vertragen, steigt seine Überlebenschance.

Noch deutlicher wird der Vorteil von Homosexualität in Notsituationen. Auf der hawaiianischen Insel Oahu etwa gibt es eine Albatrosskolonie, die zu 60 Prozent aus Weibchen besteht. Das heißt, ein Drittel aller potenziellen Gattinnen findet keinen Gatten. Was tun? Ganz einfach, die überzähligen Weibchen schließen sich zu gleichgeschlechtlichen Paaren zusammen. Ihre Eier lassen sie sich von „verheirateten“ Männchen befruchten, die offenbar keine Scheu vor außerehelichem Sex haben. So ist für alle gesorgt und die Kolonie als Ganzes steigert ihren Bruterfolg. Den lesbischen Albatrossen sei Dank.

Artikel auf www.sueddeutsche.de

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