Die Mäusefängerin

Oktober 2010, Grünzeit
Mäuse sind in der Schweizer Landwirtschaft eine ernstzunehmende Plage. Ihr ungezügelter Appetit auf Wurzeln kann den Grasertrag pro Hektare um die Hälfte reduzieren. Nur eine Frau kann die Nager stoppen.

«Klick!» Eben ist Kathrin Hirsbrunner
eine Maus in die Falle gegangen.
«Schauen Sie einmal wie es hier aussieht!» Kathrin Hirsbrunner zeigt auf den Boden. Sie ist die einzige professionelle Mäusefängerin der Schweiz und sieht Wiesen darum mit anderen Augen. Und im Moment spricht das blanke Entsetzen aus ihnen. Auf den ersten Blick scheint die Wiese so grün, wie es für die Japaner und Chinesen sein sollte. Die sitzen nur wenige Meter entfernt in der Gondelbahn von Grindelwald Richtung Männlichen. Diese Wiese wird später als typisches Beispiel einer Schweizer Matte in ihre digitalen Fotoalben eingehen. Doch so grün wie das Klischee es verlangt, ist sie bei weitem nicht. Braun-grün ist der treffendere Farbton. Denn beim zweiten Augenschein lässt sich erkennen, dass die Grasnarbe an vielen Stellen aufgebrochen ist. Das ganze Gelände ist mit tellergrossen Flächen bracher Erde übersät und dazwischen liegen kleine Erdhaufen. Das ist vielmehr ein Acker als eine Wiese. «Der Bauer verliert hier sicher die Hälfte seines Ertrages», sagt Kathrin Hirsbrunner.

«Klick.» Das metallische Geräusch ist unüberhörbar. Die Mäusejägerin nimmt den Blick vom Boden und marschiert los. Nach zwanzig Metern bleibt sie bei einem farbigen Fähnchen stehen. Gleich daneben steckt ein kurzes Metallrohr im Boden. Hirsbrunner bückt sich und zieht es heraus. An seinem unteren Ende hängt eine leblose Schermaus. «Das sind die besten Fallen, die es gibt», sagt die Jägerin. Sie funktioniert wie eine Guillotine. Zwei kurze Metallrohre sind ineinander geschoben. Das innere Rohr ist etwas kürzer und wird mittels einer Feder zurückgespannt. Am unteren Teil des äusseren Rohrs gibt es einen Durchgang. Dort befindet sich auch der Auslöser. Dieser Teil wird in einen Mäusegang geschoben. Das nächste Mal, wenn die Schermaus in ihrem Tunnel auf Nahrungssuche geht, stösst ihr Kopf unweigerlich an den Auslöser. Das innere Rohr schiesst herab und bricht der Maus das Genick. Ein kurzer, schmerzloser Tod.

150 Mäuse schafft Kathrin Hirsbrunner pro Tag. Dabei
marschiert sie bis zu 10 Kilometer feldauf und feldab.
Kathrin Hirsbrunner befreit den leblosen Körper aus der Falle und legt ihn auf den Boden. Dann spannt sie die tödliche Apparatur wieder und schiebt sie zurück in den Tunnel. Im Boden gibt es noch mehr zu holen. Viel mehr. Hirsbrunner schätzt, dass es auf diesem Grundstück 400 Mäuse pro Hektare gibt.

Darum hat sie nicht nur eine Falle im Boden, sondern gleich einhundert und ist darum sehr beschäftigt. «So wie ich das mache, hat das noch niemand gemacht.» Sie beginnt am Morgen an einer Seite des Feldes. Mit einem Metallstab stochert sie im Boden bis sie einen Gang entdeckt. Dann bohrt sie von oben mit einem so genannten Lochschneider einen Zugangsschacht zum Mäusegang. Dort hinein setzt sie die Falle und steckt daneben ein Fähnchen. Diese haben je nach Tageszeit eine andere Farbe. So weiss sie immer, wo sie wann war. Die Mäuse haben bei diesem systematischen Vorgehen keine Chance.

Alle paar Minuten ertönt irgendwo auf dem Feld das typische Klicken, das anzeigt, dass wieder eine Falle zugeschnappt hat. Es gehört zu ihrer Strategie möglichst alle Mäuse in einem Gelände zu entfernen. Nur so nützt die Aktion überhaupt etwas. «Lässt man einige zurück, schnellt die Population in wenigen Monaten wieder nach oben und man beginnt von vorne», sagt sie. Das leuchtet ein, vor allem wenn man die Biologie der Schermäuse etwas kennt. Ein Weibchen wirft nach einer Tragzeit von nur drei Wochen bis zu fünf Junge auf einmal. Diese sind nach zwei Monaten bereits geschlechtsreif und beginnen sich ihrerseits zu vermehren.

Dieser Massenproduktion wirkten einst die natürlichen Feinde der Mäuse entgegen. Füchse, Greifvögel, Eulen, Hermeline und Wiesel. Doch mit der Ausräumung der Landschaft verschwanden viele von ihnen. «Vor allem im Mittelland gibt es heute riesige Grünflächen ohne einen Busch oder eine Hecke darin», sagt Hirsbrunner. Kein Wunder machen sich Hermeline rar. Und nicht nur die. «Alte Scheunen werden heute einfach abgerissen, dabei waren sie einst die bevorzugten Brutplätze von Schleiereulen.»

Die Schweizer Landschaft hat sich verändert, doch das Denken der Bauern hinsichtlich der Mäuse nicht. Oft werden die Felder jahrelang vernachlässigt in der Hoffung, dass die Population von alleine zusammenbricht. Wenn das dann doch nicht passiert und der Ertrag langsam von 20 Ballen Gras pro Hektare auf 10 Ballen schrumpft, klingelt bei der Mäusefängerin das Telefon. Dieses Jahr war das ziemlich oft. «Ich bin komplett ausgebucht», sagt sie.

Aber wenn sie dann vor der Tür steht mit ihrer Ausrüstung und erklärt, dass die vier Hektaren eine Woche Arbeit geben, staunen die Landwirte. So war es auch hier in Grindelwald. «Der Bauer hatte die Idee, dass ich in sechs Stunden tausend Mäuse aus dem Feld hole.» Natürlich wäre es dem Landwirt sehr recht, er müsste nur einmal das Tageshonorar von 420 Franken bezahlen. Doch in einem Tag fängt Kathrin Hirsbrunner auch bei aller Effizienz nur durchschnittlich 150 Mäuse.

Bei weniger akuten Fällen ist es noch schwieriger, die Bauern vom Handeln zu überzeugen. «Oft haben die das Gefühl, dass das alles gar nichts bringe.» In der Stadt Zürich beispielsweise hält die Mäusefängerin diverse Obstgärten in Stand. Schermäuse lieben die zarten Wurzeln von Apfel- und Kirschbäumen. «Am liebsten machen die Mäuse ihr Nest direkt unter dem Obstbaum.» So wächst ihnen die Nahrung praktisch in die Stube. Und damit sie auch ja alle Wurzeln erwischen, graben sie rund um das Nest einen kreisförmigen Gang. Ein Apfelbaum, dem das widerfährt, lebt nicht mehr lange.

Nur bringt es langfristig nichts, wenn nur gerade im Obstgarten selbst gemaust wird. Wenn gleich daneben ein Stück Land liegt, das von den Nagern nur so wimmelt, ist die Arbeit umsonst. Die Tiere betrachten die leeren Tunnelbauten im Obstgarten als freie Wohnungen und ziehen ein. Darum versucht Kathrin Hirsbrunner in Zürich einen Bauer, dem so ein angrenzendes Stück Land gehört, davon zu überzeugen, es mausfrei zu halten. Letztes Jahr machte er noch mit. Doch heuer ruft er einfach nicht zurück, um einen Termin zu vereinbaren. «So läuft das immer», sagt Hirsbrunner. «Klick.» Sie marschiert los, ich hinterher.

Inzwischen reihen sich neben jeder Falle die toten Mäuse. Die Arbeit ist anstrengend. «Pro Tag marschiere ich zehn Kilometer und mache Hunderte von Kniebeugen.» Allerdings hat sie sich bewusst dafür entschieden. Sie wollte einen Beruf, bei dem sie draussen ist und für sich alleine arbeitet. Da sah sie vor einigen Jahren im Schweizer Fernsehen eine Dokumentation über den letzten Mäusefänger der Schweiz. «Ich habe mir gesagt, wenn er der Letzte ist, bin ich wieder die Erste.» Und so hat alles begonnen.

Heute arbeitet sie sogar auf dem Gelände des Flughafens Zürich. Dort möchten die Betreiber möglichst keine Mäuse, weil sie Raubvögel wie Mäusebussarde oder Graureiher anlocken. Prallt so einer mit einem landenden Jet zusammen, gibt es eine Federwolke und ein kaputtes Triebwerk. Das kostet und führt im schlimmsten Fall zum Absturz einer Maschine. Und so sorgt die einzige Mäusefängerin der Schweiz dafür, dass die Bauern gute Erträge haben, die Touristen sicher bei uns landen und sich erst noch an knallgrüne Wiesen erfreuen können.

1 Kommentar:

  1. Sehr geehrte Damen und Herren
    Es ist sehr gut, dass Frau Kathrin Hirsbrunner diese wichtige Aufgabe erledigt. Super, dass wir noch solche Menschen haben. Ein grosses Kompliment und herzliches Dankeschön.
    Ich werde diese Frau auch mal engagieren.
    Die NATUR IST AUS DEM Gleichgewicht gekommen daran ist der Menschen nicht unschuldig.
    Viel Spass beim Mäusefangen.

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