Eine Notlüge, die Leben rettet

10. Oktober 2010, NZZ am Sonntag
Tropische Schmetterlinge kopieren das Äussere von anderen, giftigen Arten. Die gefälschte Identität schützt sie vor tödlichen Angriffen ihrer Fressfeinde.

Das giftige Orignial: Heliconius ethilla
Insekten haben von allen Tierarten die grössten Schwierigkeiten, bei uns Menschen auf Interesse zu stossen. Als Mücken und Fliegen sind sie uns lästig und auch als Bienen schätzen wir sie eigentlich nur wegen des Honigs. Und noch nicht einmal die tropischen Schmetterlinge mit ihren fanstastischen Farben erhalten ihre verdienende Aufmerksamkeit, wie jetzt eine Studie der Unversität Stanford in Kalifornien zeigt. Demnach werden etwa in Brasilien in einem Jahrzehnt nur 679 neue Feldstudien zu den dort lebenden Schmetterlingen durchgeführt, obwohl im Land 3300 Arten beheimatet sind. Bei diesem Tempo würde es ein halbes Jahrhundert dauern, bis die Wissenschaft jede Art wenigstens ein Mal gewürdigt hat.

Die ungiftige Kopie: Consul fabius
Diese Schleichfahrt könnte zu einem grossen Hindernis beim Schmetterlingsschutz werden, mahnen die Forscher von Stanford. Denn was man nicht kennt, kann man auch nicht schützen.

Doch das Problem ist nicht nur der mangelnde Forschereifer, sondern die tropischen Schmetterlinge selbst. Ihr Leben ist nämlich ausserordentlich kompliziert. «Sie sind Teil eines grossen Netzes komplexer Beziehungen, welche die Wissenschaft erst anfängt zu verstehen», sagt Timothy Bonebrake, Hauptautor der Studie, und fügt ein Beispiel an: «Wenn man durch einen Wald spaziert, stellt man fest, dass viele Schmetterlinge ähnliche Muster auf ihren Flügeln haben, obwohl sie zu verschiedenen Arten gehören.» Die Schmetterlinge ahmen sich gegenseitig nach und kopieren die Farbmuster auf ihren Flügeln. Aber wer kopiert hier wen, wer ist das Original und wer die Fälschung?

Die imitierten Vorbilder gehören zu den Passionsblumenfaltern. Sie enthalten chemische Verbindungen, die sie für ihre Fressfeinde, die Vögel, ungeniessbar machen. Diese prägen sich die Farbmuster genau ein, damit sie nicht zweimal in einen giftigen Schmetterling beissen. Das machen sich die Nachahmer zunutze. Sie besitzen keine chemische Verteidigung, dafür sehen sie den Originalen zum Verwechseln ähnlich. Die Vögel lassen sich prompt durch die falsche Verpackung reinlegen und meiden die geniessbaren Arten ebenfalls.

Aber es wären nicht tropische Schmetterlinge, wenn die Geschichte hier bereits zu Ende wäre. In Brasilien haben Forscher beobachtet, dass die ungeniessbaren Falter immer etwas früher am Tag fliegen als die geniessbaren. Offenbar lassen sie ihren giftigen Kollegen den Vortritt, damit die Vögel Zeit haben, ihr Gedächtnis aufzufrischen. Das hat seinen Sinn, denn im Wald machen auch Zugvögel Halt. Die Neuankömmlinge müssen zuerst lernen, wie Ungeniessbares aussieht. Es wäre darum fatal, wenn sich die Nachahmer vordrängeln würden. Das zeigt, wie engmaschig das Beziehungsnetz unter den verschiedenen Arten ist. Die Konsequenz: Wenn eine Art ausstirbt, zieht sie unter Umständen alle anderen, die von ihr abhängen, mit in den Abgrund.
Um das zu verhindern, wäre es wohl am einfachsten, wenn jedes tropische Land seinen Schmetterlingen ein grosses Waldschutzgebiet zur Verfügung stellen würde.

Was intuitiv richtig erscheint, ist in der komplizierten Welt tropischer Schmetterlinge höchst fragwürdig. Bonebrake und seine Kollegen begutachteten zwanzig Naturschutzstudien und fanden Widersprüchliches. Nur in sechs von ihnen führte die Waldabholzung zu einer Reduzierung der Schmetterlingsvielfalt. In zehn Studien konnte keine Veränderung der Artenzahl festgestellt werden und vier Studien fanden sogar eine Zunahme der Arten, sobald der Wald weg war.

Natürlich gibt es zwischendurch auch mal ein eindeutiges Resultat. So zeigte eine Feldstudie aus Venezuela, dass die Wahrscheinlichkeit aus einem eng begrenzten Reservat auszusterben mit der Zunahme der Fluggeschwindigkeit wächst. Umso schneller ein Schmetterling fliegt, desto schneller erreicht er den Rand seines Schutzgebiets. «Von den meisten Arten wissen wir jedoch nicht, wie weit sie an einem Tag oder während ihres ganzen Lebens fliegen», sagt Bonebrake. «Das ist problematisch, wenn man ein Schutzgebiet für tropische Schmetterlinge einrichten möchte. Wie viel Platz benötigen sie, um überleben zu können?»

Auf diese Frage brauchen Naturschützer irgendwann eine Antwort. Ansonsten sieht es schlecht für die Schmetterlinge aus. Denn von den 20 000 Arten der Welt sind 18 000 in tropischen Wäldern beheimatet. Bonebrake hat indes Hoffnung, dass die Forschung ihren Wissensrückstand doch noch aufholt. Und zwar aus einem einfachen Grund: «Ökologen neigen dazu, an Komplexität Spass zu haben.»

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