Killer auf leisen Pfoten

12. Dezember 2010, NZZ am Sonntag
Verwilderte Katzen bedrohen den Bestand gefährdeter Arten. Vor allem auf Inseln sind ihnen wilde Tiere oft hilflos ausgesetzt.

Die Insel Ascension im Atlantik. Hier haben verwilderte
Hauskatzen die Vogelkolonien grösstenteils vernichtet.
Tipp: Auf das Bild klicken und die Insel gleich auf
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Hauskatzen können ganz schön wählerisch sein, was ihr Futter betrifft. Da zieht eine schon mal eine Schnute, wenn Herrchen oder Frauchen ihr statt der gewünschten «Rind und Leber» Konserve «Rind und Geflügel» vorsetzt. Manch ein Stubentiger lässt sich so eine Behandlung nicht gefallen und wendet sich beleidigt vom Napf ab. Aber mit ein bisschen Motivation können Katzen auch ganz anders. Zum Beispiel, wenn sie auf einer einsamen Insel ausgesetzt werden. Dann ist der Gourmetgaumen schnell ausgeschaltet und sie entwickeln sich zu Allesfressern, die nicht einmal vor Insekten zurückschrecken. Für das Ökosystem der Inseln hat das oft verheerende Folgen.

Das zeigt eine kürzlich publizierte Studie eines internationalen Forscherteams. Es hat die Literatur zur Diät von verwilderten Hauskatzen auf weltweit vierzig Inseln durchforstet und eine Liste mit Tier- und Pflanzenarten erstellt, die auf der Speisekarte zu finden sind. Es sind erstaunlich viele – 248 um genau zu sein.

Die grösste Gruppe bilden dabei die Vögel. Je nach Insel sind das zum Beispiel das Rotkehlchen, der Zaunkönig oder der Grünling – Arten die man auch hierzulande ab und zu in der Schnauze eines Gartentigers wiederfindet. Doch auf abgelegenen Inseln werden Katzen experimentierfreudig und gönnen sich auch exotischere Happen. Da stehen schon mal Seeschwalben, Albatrosse und Pinguine auf dem Speisezettel.

Wenn die Katze Glück hat und auf einer tropischen Insel wohnt, kommt sie ab und zu sogar in den Genuss von Suppenschildkröten. Die Kolosse von annähernd zweihundert Kilogramm Gewicht sind wohlgemerkt zu gross für ein Katzenmaul, aber ihre Jungen, die aus ihrem Gelege am Sandstrand schlüpfen, sind leichte und mundgerechte Beute. Wo solche Delikatessen rar sind, greifen Katzen auch auf Salamander, Frösche oder Geckos zurück.

In der Not geht es sogar noch spartanischer. Da wird alles verspeist, was sich vor den Schnurrhaaren bewegt. Schnecken, Libellen, Käfer, Heuschrecken, Spinnen, Nachtfalter, Ohrwürmer, Küchenschaben und sogar Fliegen machen ein noch so bescheidenes Mal. Sogar Wespen samt Giftstachel verschmähen sie nicht. Überhaupt ist die Bewaffnung eines Tiers kein Grund, es nicht zu fressen. Der auf Tasmanien heimische Waldskorpion endet ebenso im Katzenmagen wie die Schwarze Tigerotter, eine Giftschlange, deren Biss sogar für Menschen tödlich ist.

Es ist dieser ungezügelte ja beinahe respektlose Appetit, mit dem verwilderte Hauskatzen auf die empfindlichen Ökosysteme von Inseln eindreschen und ihnen so ihren natürlichen Reichtum rauben. Kein Wunder schreiben die Autoren der Studie: «Katzen gehören zu den erfolgreichsten und schädlichsten invasiven Arten auf Inseln und sind massgebliche Treiber der Ausrottung.» Ein globales Problem, wie Mitautorin der Studie Elsa Bonnaud sagt: «Auf fast allen Inseln, auf denen Menschen wohnen, gibt es Katzen.»

Dass Katzenpfoten todbringende Waffen sind, daran tragen allerdings die heimischen Bewohner der Inseln auch ein bisschen Schuld. Denn in den Jahrmillionen der Abgeschiedenheit haben die meisten Tiere verlernt, mit Fressfeinden fertig zu werden. Die Evolution hat sie im Schutze ihrer kleinen Welt zu seltenen Sonderlingen geformt, die nicht wissen, was es heisst, sich zu verteidigen oder auch nur wegzurennen.

Ein solches Tier ist beispielsweise der Kakapo, der grösste Papagei der Welt und der einzige, der nie fliegen gelernt hat. Wozu auch? In seiner Heimat Neuseeland gab es bis vor der Ankunft der Menschen nichts, wovor er hätte fliehen müssen. Doch dann brachten die Maori die Hunde und die Europäer die Katzen. Die neuen Räuber bedienten sich an den plumpen Papageien à discrétion mit dem Resultat, dass die Population der Kakapos in den 1990er Jahren nur noch rund fünfzig Exemplare zählte, bevor rigorose Schutzmassnahmen ihren Untergang in letzter Minute abwendeten. Manche Vogelart hatte jedoch weniger Glück, wie zum Beispiel der Jamaika-Sturmvogel oder der Guadalupe-Wellenläufer. Beide konnten dem Würgegriff der Katzenpfote nicht entfliehen und gelten heute als ausgestorben.

Solche Szenarien könnten sich in Zukunft ohne weiteres wiederholen. Denn von den 248 Arten, die auf der Menuliste der Katzen stehen, kommen bereits 32 auch auf der Roten Liste der bedrohten Arten vor. Um zu verhindert, dass sie dasselbe Schicksal wie der Jamaika-Sturmvogel ereilt, gibt es nur einen Ausweg: Die Inseln müssen von den eingeschleppten Raubtieren wieder gesäubert werden. Entsprechende Aktionen gab es seit Anfang des 20. Jahrhunderts bereits auf 75 Inseln. Die meisten von ihnen waren erfolgreich.

Ein Paradebeispiel ist etwa Ascension, eine kleine tropische Insel im Südatlantik. Die Vulkaninsel war einst Brutplatz einer riesigen Seevogelkolonie bevor das britische Militär 1815 dort einen Stützpunkt einrichtete. Mit den Menschen kamen die Katzen und in der Folge brach die Vogelpopulation zusammen. 2002 lancierte die Regierung von Ascension eine Ausrottungsaktion für die gefrässigen Vierbeiner. Vier Jahre, vierzigtausend Arbeitsstunden und eineinhalb Millionen Franken später waren sämtliche 567 verwilderte Katzen vergiftet oder erschossen.

Der Vogelschützer Norman Ratcliffe erinnert sich an die Aktion: «Katzen sind schlau und es kann sehr schwierig sein, sie auszurotten. Die letzte von ihnen bescherte uns drei Monate harte Arbeit, bevor sie sich endlich einfangen liess.» Und der Aufwand wächst exponentiell mit zunehmender Fläche. Auf der eineinhalb mal grösseren Macquarie-Insel dauerte es mühsame 25 Jahre, bis der letzte Kater in die Falle ging.

Und der Erfolg für die Vögel? So schnell wie sie im Magen der Katzen landen, so lange dauert es, bis sie sich wieder vom Schrecken erholen. Die Kakapos haben in den letzten zwei Jahrzehnten ihre Population von 50 auf lediglich 122 Exemplare ausgebaut. Und bis der Himmel über Ascension wieder schwarz vor lauter flatternder Flügel ist, könnte laut Norman Ratcliffe sehr viel Zeit vergehen: «Es geht wahrscheinlich Jahrhunderte bis sich die Populationen wieder erholen, da sich Seevögel nur sehr langsam vermehren.»

Artikel in der NZZ am Sonntag

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