Ein Recht auf Wald

August 2015, Vivai
In der Schweiz ist der Wald ein Heiligtum. Hier wird über jede einzelne Tanne Buch geführt. Wer ohne Genehmigung Bäume fällt, kann mit Gefängnis bestraft werden. Doch das war nicht immer so. Vor nicht allzu langer Zeit war uns der Wald vollkommen egal.   

Eine mächtige Lärche im Aletschwald. Fällen
strengstens verboten.
Wald bedeutet Leben. Wer für eine Weile zwischen den Bäumen still stehen bleibt, kann es sehen und hören. In der Ferne hämmert der Buntspecht mit seinem Schnabel an einen morschen Baumstamm. Er ist auf der Suche nach Insekten, die im Totholz leben. An der nächsten Fichte turnt ein Eichhörnchen aufgeregt herum. Es baut gerade sein Nest, irgendwo hoch oben im Geäst. Selbst auf dem Boden wuselt es. Hunderte von grossen schwarzen Waldameisen rennen auf der Suche nach Nahrung und Baumaterial umher. Vierzig Prozent aller Schweizer Tier- und Pflanzenarten nutzen den Wald als Lebensraum.

Das schliesst uns Menschen ein. Der Wald ist der perfekte Ort, um zu entspannen, spazieren zu gehen, zu joggen oder um die Natur zu beobachten. Als Erholungsraum besitzt der Wald pro Person einen Wert von durchschnittlich 440 Franken, wie das Bundesamt für Umwelt 2012 aufgrund einer Umfrage bei dreitausend Personen berechnet hat. Eingeflossen sind unter anderem die Anzahl Waldbesuche pro Woche, die Anreisedauer und die Transportkosten. Daraus ergibt sich hochgerechnet ein Gesamtwert für die Bevölkerung von rund drei Milliarden Franken pro Jahr.

Wir lieben den Wald so sehr, dass wir ihn mit einem der besten Gesetzestexte der Welt beschenkten: das «Bundesgesetz über den Wald». In ihm steht zum Beispiel, dass jeder Wald der Öffentlichkeit zugänglich sein muss. Mit anderen Worten: Schweizerinnen und Schweizer haben ein Recht auf Wald. Darum ist es auch verboten, Wald zu roden. Wer es trotzdem tut, kann mit Gefängnis bestraft werden.

Von den Auswirkungen dieses rigorosen Gesetzes kann sich jeder überzeugen, wenn er Grossvaters alte Wanderkarte mit einer heutigen Ausgabe vergleicht. Städte und Dörfer haben sich massiv ausgedehnt, Agrarland ist unter Beton und Teer verschwunden und Eisenbahnlinien und Autobahnen haben die Landschaft zerschnitten. Doch der Wald befindet sich immer noch genau dort, wo er schon vor fünfzig Jahren war. Damit stellt er einen unverrückbaren Wert in unserer Gesellschaft dar.

So gut wie heute ging es ihm jedoch nicht immer. In den 1980er Jahren war die Luft stark mit schwefelhaltigen Abgasen aus Strassenverkehr und Industrie verschmutzt. Der Regen wusch diese aus und trug sie in Form von Schwefelsäure in den Boden ein. Die einhergehende Bodenversauerung störte die Nährstoffaufnahme der Bäume und führte im Extremfall dazu, dass diese eingingen.

Im deutschen Harz und im Erzgebirge gab es ganze Waldgebiete, die dahinsiechten. Die Medien sprachen vom «Waldsterben». Auch wenn in der Schweiz die Bäume nur vereinzelt an den Säureeinträgen litten, schlug die Botschaft vom sterbenden Wald wie eine Bombe ein. «Das war der Beginn der modernen Umweltpolitik der Schweiz», sagt Andreas Rigling, Forstingenieur von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft. In der Folge wurden die Abgasrichtwerte verschärft, Filter- und Entschwefelungsanlagen in Fabriken wurden Pflicht und es folgte die Einführung des bleifreien Benzins und des Katalysators für Motorfahrzeuge.

Vor der Zeit der Luftschadstoffe war die Abholzung das grösste Problem. Im 19. Jahrhundert erreichte die Waldnutzung in der Schweiz ihr Maximum. «Damals gab es Kahlschläge und Brandrodungen», sagt Rigling. Dieser Raubbau hatte Folgen. Der Boden an den kahlen Hügelflanken wurde bei Unwettern abgetragen. Wald speichert Wasser wie ein Schwamm. Ohne ihn rauschen die Wassermassen ungebremst in die Täler, wo Schlammlawinen und Hochwasser zu Schäden von mehreren Millionen Franken führten. «Diese Katastrophen führten bei den Behörden zu einem Umdenken, das letztendlich in der heutigen Waldgesetzgebung mündete», sagt Rigling.

Eine wichtige Erkenntnis daraus war auch, dass der Wald einen Service für die Gesellschaft erbringt. Heute sind 5 820  Quadratkilometer Waldfläche als so genannter Schutzwald ausgewiesen. Er bewahrt uns vor Schnee- und Schlammlawinen, Steinschlag und Hangrutschungen. Von ihm profitieren ein Viertel aller Strassen und Bahnlinien und jedes sechste Wohnhaus. Die geschützten Werte werden auf 200 Milliarden Franken geschätzt, wie das Bundesamt für Umwelt sagt.

Wald reinigt auch einen Teil unseres Trinkwassers. Vierhundert von Zürichs Stadtbrunnen beziehen ihr Wasser direkt vom Wald. Es kommt von Quellfassungen auf den bewaldeten Hügeln rings um die Stadt. Regen wird im Waldboden naturgefiltert, in der Quellfassung gesammelt und danach allein durch die Schwerkraft trinkbereit in die Stadt geleitet.

Damit der Wald alle seine Funktionen erfüllen kann, wird er intensiv gepflegt. Jeder Kanton führt dazu einen Waldentwicklungsplan. In ihm steht beispielsweise, wie und wo seltene Baumarten wie Eiche und Eibe gefördert werden sollen, wie gross der Holzverbrauch sein darf und wo wie viel Totholz zu stehen hat.

Doch trotz aller Fürsorge ist der Wald nicht vor neuen Gefahren gefeit. Heute bereiten den Forstingenieuren vor allem gebietsfremde Arten Sorgen. «Mit dem globalen Warenhandel gelangen immer wieder fremde Organismen in unsere Wälder», sagt Rigling. Ein Beispiel ist die Eschenwelke. Es ist ein von Asien eingeschleppter Pilz, der die Eschen lückenlos befällt und sie ganz oder teilweise absterben lässt. «Darum verliert die Esche heute leider an Bedeutung für Waldbewirtschaftung», sagt Rigling.

Ebenso drängen sich neue Baumarten in unsere Wälder. Der ebenfalls aus Asien stammende Götterbaum ähnelt in seiner Gestalt einem Walnussbaum. Seine Blätter werden in China zur Fütterung von Seidenraupen verwendet. Er gelangte bereits im 18. Jahrhundert als Ziergehölz nach Europa und ist heute auf der ganzen Welt verbreitet. Er wächst enorm schnell und gedeiht selbst in Geröllhalden.

Gegenwärtig breitet er sich massiv im Tessin aus. «Wir wissen heute noch nicht, was das für den Schutzwald bedeutet», sagt Rigling. Hält er einen Steinschlag ebensogut ab wie eine Schweizer Buche? Bei einer Sache ist sich Rigling sicher: «Der Wald wird sich verändern, aber er wird nicht verschwinden. Dafür ist er zu anpassungsfähig und zu stark.»

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