Tierisch guter Schlaf

Oktober 2015, Vivai
Sie machen es hängend, schwimmend und in Positionen, für die unsere Sprache noch nicht einmal einen Begriff kennt. Vögel, Säugetiere und Insekten schlafen zuweilen auf so bizarre Art und Weise, dass wir nur noch staunen können.

Die Kuckucksbiene hat von allen Tieren wohl die ungewöhnlichste
Schlafposition: Sie beisst sich fest und hängt nur von
ihren Kiefern getragen in der Luft.
 
 
Alle Tiere kennen irgendeine Form des Schlafs. Seine hauptsächliche Funktion: Energie sparen. Kein Tier macht das konsequenter als die Grosse Braune Fledermaus aus Amerika. Pro Tag schläft sie 20 Stunden, was sie unter den Säugetieren zu den Spitzenreitern macht. Sogar das Faultier hinkt ihr mit seinen 16 Stunden pro Tag weit hinterher. Die Fledermaus ernährt sich von Insekten, die nur in der Abenddämmerung und den ersten Stunden der Nacht umherschwirren. In der restlichen Zeit des Tages gibt es für sie nichts zu tun. Also ab in die Höhle und Augen zu.

Schlafen kann jedoch gefährlich sein, vor allem, wenn man kein sicheres Versteck hat. Unter diesem Umstand leidet beispielsweise die Giraffe. Sie steht bei den Löwen auf der Liste der Beutetiere. Darum muss sie ständig auf der Hut sein. So lange sie sich in einer aufrechten Position befindet, besitzt sie mit ihren langen Beinen eine vorzügliche Verteidigungswaffe. Doch sobald sie sich hinlegt, ist sie für ein Rudel Löwen eine leichte Beute. Darum schläft die Giraffe durchschnittlich nur zwei Stunden pro Tag. Damit hält sie unter Säugetieren den Rekord.

Die Löwen ihrerseits können sich ausgedehnte Nickerchen erlauben. Denn sie befinden sich an der Spitze der Nahrungskette und müssen sich nicht vor Überfällen fürchten. Zudem prädestiniert sie ihr Speiseplan geradezu zum Faulenzen und Dösen. «Löwen fressen Fleisch. Das ist sehr nahrhaft», sagt Jerry Siegel, Professor für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften an der Universität von Kalifornien, Los Angeles. «Wenn sie einmal satt sind, brauchen sie für einige Tage nichts mehr zu sich zu nehmen.»

Manche Tiere haben einen Kompromiss zwischen den beiden Extremen Giraffe und Fledermaus gewählt. Sie schlafen und sind trotzdem wachsam. Diese Kunst beherrschen beispielsweise Tauben. Sie halten während des Schlafs immer ein Auge offen. Wenn sie sich nahe einer Wand niederlassen, dann zeigt das offene Auge meistens raus ins Freie. So können sie sehen, ob sich ein Greifvogel nähert.

Der Trick dabei ist, dass Tauben nur mit einer Gehirnhälfte schlafen. Die andere bleibt wach. Stockenten können das auch. Aus Sicherheitsgründen übernachten sie oft in Gruppen. Dabei schlafen die Tiere aussen nur mit einer Gehirnhälfte, damit sie ein Auge offen halten können und jede Gefahr sofort wahrnehmen. Die Tiere im Innern schlafen mit dem gesamten Gehirn, weil das erholsamer ist.

Wale und Delphine haben den partiellen Schlaf perfektioniert. Sie können nicht nur ein Auge offen halten, sondern auch normal weiter schwimmen. Sowohl die linke als auch die rechte Körperhälfte sind aktiv, egal welche Gehirnhälfte gerade ein Nickerchen macht. Auf diese Weise können sie Objekten im Wasser oder Artgenossen ausweichen und rechtzeitig auf Haiangriffe reagieren.

Ungewöhnlich sind auch die Schlafrhythmen mancher Tiere. So schläft der Goldhamster pro Tag zwar 14 Stunden, aber niemals mehr als 12 Minuten am Stück. Danach wacht er wieder auf um kurz darauf erneut einzunicken. Die Hauskatze schläft pro Tag fast gleich viel wie der Hamster. Sie schafft jedoch bis zu zwei Stunden am Stück.

Die meisten Schlaf-Wach-Zyklen machen Feuerameisen durch. Sie schlafen pro Tag rund fünf Stunden. Würden das jedoch alle Arbeiterinnen zur selben Zeit machen, bräche die Organisation des Staats zusammen. Um dieses Szenario zu vermeiden, schläft jede von ihnen nur eine Minute am Stück und ist danach gleich wieder bei der Arbeit. Das macht sie 253 Mal pro Tag. Auf diese Weise sind immer rund 80 Prozent aller Ameisen zur selben Zeit wach.

Ähnlich befremdend sind die Schlafpositionen gewisser Tiere. Die wohl unbequemste nehmen die Kuckucksbienen ein. Zur Nachruhe klettern sie auf einen Zweig. An seiner Spitze angekommen ergreifen sie ihn mit ihren Mandibeln. Dann ziehen sie die Beine an den Körper und hängen nun allein von ihrem Gebiss getragen in der Luft.

Manchmal jedoch nimmt das Schlafverhalten schon fast menschliche Züge an. Männliche Wasserjungfern besitzen ein Territorium und einen Schlafplatz, die getrennt voneinander liegen. Jeden Tag pendeln sie zwischen beiden hin und her.

In ihrem Territorium dulden die Männchen nur Weibchen. Männchen werden verscheucht. Beim Schlafen sieht es jedoch ganz anders aus. In der Abenddämmerung versammeln sich mehrere Dutzend Männchen und Weibchen in Gruppenschlafplätzen. Machtkämpfe sind während dieser Zeit zu unterlassen. Sex ist ebenfalls tabu. Den gibt es erst wieder bei Sonnenaufgang im Territorium des Männchens.

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