Kampf der Titanen

Oktober 2015, Freude am Garten
Der Herbst ist die Zeit der Pilze. Jetzt kommen sie aus ihren Verstecken hervor, um eine der grössten Fressorgien in der Natur zu veranstalten. Die Leidtragenden sind die Pflanzen. Sie müssen jetzt ihre Abwehrkräfte hochfahren und die ganze Sache aussitzen.

Pilze fressen gerade einen toten Baumstamm aus. Manche von ihnen
machen sogar Jagd auf lebende Bäume.
Anders als der erste Blick vermuten lässt, haben Pilze mehr gemeinsam mit Tieren als mit Pflanzen. Zwar besitzen sie weder Beine, Flügel und auch keine Zähne, doch Pilze können sich fortbewegen, fliegen und sie beissen sich durch die härteste Kost. Ob ihr Mahl tot ist oder noch lebt, spielt ihnen dabei keine grosse Rolle.

Zu ihren Leibspeisen gehört Holz. Dieses hat im Vergleich zu anderen Pflanzenmaterialen eine sehr hohe Dichte und besitzt darum einen sehr hohen Energiegehalt. Ein Stück Holz ist für einen Pilz so unwiderstehlich wie eine Zuckerstange für ein Kind.

Doch beim Verzehr von Holz gibt es zwei grosse Schwierigkeiten. Erstens bilden die Kohlenstoff-Atome im Holz eine gitterartige Struktur auch bekannt als Lignin. Dieses Material widersetzt sich erfolgreich der Verdauung durch die meisten Tiermägen und auch Pilze können es mit ihren feinen Fäden nicht ohne weiteres durchdringen.

Zweitens imprägnieren viele Bäume und Sträucher ihr Holz mit Harzen. Diese wirken wie Antibiotika und töten Pilze ab oder hindern sie mindestens am Wachstum. Arvenholz beispielsweise besitzt besonders viel Harz. Darum bleibt es im Garten als Pfahl oder Brett ohne jegliche Konservierungsmassnahmen jahrelang haltbar.

Andere Holzarten wie etwa das von Tannen oder Apfelbäumen sind nicht so widerstandsfähig. Bei ihnen haben Pilze am ehesten eine Chance. Um an den Leckerbissen Holz heranzukommen, nutzen Pilze die Kraft der Chemie. Sie sondern Enzyme ab, die auf die Zersetzung von Holz spezialisiert sind. Sie spalten das Lignin in einfache Zuckerverbindungen auf. Diese nehmen die Pilze anschliessend über ihre Fäden auf. Auf diese Weise wird stahlhartes Holz so weich wie Karton. Man sagt, es wird morsch. 

Trotz ihrer Verteidigungsmassnahmen schweben Pflanzen ihr Leben lang in Gefahr. Forscher fanden heraus, dass die meisten gesunden Bäume bereits mit einer Vielzahl von potenziell tödlichen Pilzen infiziert sind. Vermutlich dringen sie als Sporen in winzige Ritzen in der Borke ein. Dort richten sie keinen Schaden an, solange der Baum gesund bleibt. Doch das ändert sich schlagartig, sobald er einen Ast verliert, sich verletzt oder an Wassermangel leidet. Dann schlagen die Pilze zu.

Weil die Borke eine Schwachstelle des Baumes ist, haben viele Baumarten an dieser Stelle ein weiteres Hindernis für Eindringlinge eingebaut. Sie produzieren in ihr grosse Mengen der so genannten Saponine. Das sind chemische Verbindungen, die mit Seife verwandt sind. Genauso wirken sie auch.

Eine der Schwachstellen von Pilzen ist ihre Zellmembran. Das ist eine dünne Hülle, die jede Zelle nach aussen hin abschliesst. Leider besteht sie aus einem sehr instabilen Material. Es handelt sich um so genannte Lipide. Das sind fettähnliche Moleküle, die sich zu einem natürlichen Kunststoff verdichten.

Wie ein Spülmittel eine Bratpfanne von der Fettschicht befreit, so lösen Saponine die Lipide aus der Membran der Pilze. Für den Pilz ist das etwa so, als würde uns jemand die Haut abziehen.
An regnerischen Tagen werden die Saponine manchmal aus der Borke herausgewaschen. Während sie den Stamm runter laufen, bilden sie Schaum, der an der Stammbasis liegen bleibt.

Es gibt jedoch einen Pilz, dem alle diese Verteidigungsstrategien nichts ausmachen. Es ist der Hallimasch. Er ist in Wäldern und Gärten heimisch und geht regelrecht auf die Jagd nach Bäumen und Sträuchern. Sein Trick besteht darin, dass er seine Kräfte bündelt und auf einen Punkt konzentriert. Auf diese Weise kann er die Verteidigungslinien der Pflanzen durchbrechen.

Statt nur einen einzelnen feinen, zerbrechlichen Faden nach einem potenziellen Ziel auszustrecken, schickt er ein ganzes Bündel von ihnen gleichzeitig auf Beutefang. Die Bündel sind die so genannten Rhizomorphen. Sie sehen aus wie schwarze Schnürsenkel und können bis zu einem halben Zentimeter im Durchmesser betragen. Sie sind umgeben von einer harten Schicht, das die Pilzfäden im Innern vor Austrocknung schützt.

Die  Rhizomorphen wachsen unter dem Boden bis zu zwei Meter pro Jahr. Wenn sie auf eine Wurzel eines gesunden Baumes treffen, bohren sie sich in sie hinein. Ihre erste Mission lautet, die Pflanze zu zerstören. Dazu bildet der Hallimasch ein Geflecht aus Pilzfäden, das sich zwischen Rinde und Holz ausbreitet. In der Folge häutet sich der gesamte Stamm und der Baum oder Strauch stirbt ab.

Nun kann er sich alle Zeit der Welt lassen und sein Opfer langsam auffressen. Dieser Prozess ist beim Hallimasch mitunter sehr eindrücklich, denn er ist einer der wenigen Pilzarten, die ein schwaches Licht aussenden. Wer Glück hat, sieht nachts im Garten oder im Wald einen grünen Lichtschimmer, der aus dem Holz eines verrottenden Baumstamms dringt. Das Licht entsteht durch eine chemische Reaktion in den Zellen des Pilzes. Diese produzieren das so genannte Luciferin. Es reagiert mit Sauerstoff und gibt dabei Lichtteilchen ab. Was der Zweck seines Leuchtens ist, wissen Forscher noch nicht.

Schönheit muss aber nicht immer tödlich sein. Es gibt auch Pilze, die sich ausschliesslich von totem Pflanzenmaterial ernähren. Zu ihnen gehören die Erdsterne. Sie tauchen im Herbst an den schattigeren Stellen des Gartens auf. Erst sind es kugelförmige Gebilde, doch sobald sie draussen sind, reisst ihre Oberfläche an Sollbruchstellen auf und die Kugel öffnet sich zu einem Stern. In seiner Mitte befindet sich eine Art Sack, der mit Sporen gefüllt ist. Wenn ein Wassertropfen auf ihn fällt, wird die Luft samt einer Ladung Sporen durch eine Öffnung aus dem Sack geblasen.

Was schön aussieht, nützt auch den Pflanzen. Denn Pilze wie die Erdsterne setzen die im Totholz gebundenen Nährstoffe frei und machen sie für Pflanzenwurzeln verfügbar. Für ein funktionierendes Ökosystem ist dieser Prozess unentbehrlich. Ohne ihn wäre die Welt längst unter einem gigantischen Holzhaufen begraben worden.

Jetzt im Herbst ist selbst ein perfekt gepflegter Rasen nicht mehr vor Pilzen sicher. Ihre Fruchtkörper schieben sich von unten über die Grasnarbe als würde jemand in der Erde sitzen und dort Luftballone aufblasen. Doch wovon ernähren sie sich? Gibt es etwa auch Totholz unter dem Rasen? Nein. Aber es gibt etwas viel besseres: Pflanzenwurzeln.

Manche Pilze dringen mit ihren Fäden in die Wurzeln von Kräutern und Gräsern ein. Ihr Ziel ist jedoch nicht die Zerstörung, sondern der Handel. Die Wurzeln sind vollgepumpt mit Zucker, den die Pflanzen tagsüber während der Photosynthese produzieren. Pilze sind dazu nicht fähig. Darum geben ihnen die Pflanzen etwas von ihrem Zucker ab. Das tun sie jedoch nicht gratis. Im Gegenzug befördern die Pilzfäden Nährstoffe wie beispielsweise Phosphor direkt in die Wurzeln.

Manche Pilze haben sich so gut mit den Pflanzen arrangiert, dass es ihnen möglich ist, in ihnen zu leben. Zu ihnen zählen die so genannten Endophyten. Sie leben zwischen den Blatt-Zellen von Gräsern. Dort ernähren sie sich vom Zucker und anderen Nährstoffen, den das Gras produziert. Im Gegenzug stellt der Endophyt verschiedene Gifte her. Die schaden den Frassinsekten, die es auf das Gras abgesehen haben. Sie wirken aber auch gegen grössere Grasfresser wie Schafe, Kühe oder Pferde. Nehmen sie zu viele dieser Giftstoffe auf, können sie betäubt werden und im schlimmsten Fall sterben.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen