Unterwasserjägerin mit Giftbiss

März 2016, pro natura magazin spezial
Die Wasserspitzmaus ist zu Recht Tier des Jahres 2016, denn sie ist allen anderen immer eine Nasenlänge voraus. Sie kann schwimmen und tauchen, metertiefe Löcher buddeln, Fische mit ihrem giftigen Speichel lähmen und sie besitzt ein Hightech-Fell, das nie nass wird.

Ihre lange Nase, die beinahe schon wie ein kleiner Elefantenrüssel anmutet, ist immer in Bewegung. Sie schnüffelt nach Beute. Zwar ist die Wasserspitzmaus so klein, dass sie  bequem in einer Kaffeetasse Platz hat, doch ist ihr Appetit ist riesig. Sie muss den ganzen Tag fressen. Sogar in der Nacht, wenn sich andere Säugetiere in ihre Höhlen und Schlupflöcher verziehen.

Das liegt vor allem daran, dass die Wasserspitzmaus eine Energieschleuder ist. Ihre Körperoberfläche ist im Verhältnis zu ihrem Volumen zu gross. Dadurch verliert die Wasserspitzmaus wie ein schlecht isoliertes Haus dauernd Wärmeenergie und muss diese kontinuierliche Abstrahlung mit der Zufuhr von Nahrung ausgleichen. Um satt zu werden, muss sie täglich ihr eigenes Gewicht an Futter zu sich nehmen, also mindestens 18 Gramm.

Ein weiteres Problem sind ihre Beine. Die sind nämlich etwas zu kurz geraten. Das bedeutet, dass die Wasserspitzmaus nur unter ständiger Anstrengung vorwärts kommt. Andere Kleinsäuger wie etwa die Waldmaus sind da besser bedient. Sie besitzen lange Hinterbeine, die es ihr erlauben zu rennen. Ist die Vorwärtsbewegung einmal aufgebaut, lässt sie sich mit wenig zusätzlicher Muskelkraft aufrechterhalten.

Trotz dieses Handicaps hat sich die Wasserspitzmaus über grosse Teile Eurasiens verbreitet. Ihr Gebiet reicht von Spanien bis weit nach Russland und in die Mongolei hinein. Als Lebensraum bevorzugt sie naturnahe Bäche. Daneben kommt sie aber auch in Flachmooren, Tümpeln und Flüssen vor. Ebenso kann sie in künstlichen Gewässern wie etwa Drainage-Gräben überleben. In der Schweiz kommt sie überall vor und besiedelt auch die grossen Alpentäler wie Wallis, Vorderrheintal und Engadin bis in die höchsten Lagen.

Ihre Malzeiten bestehen zu über der Hälfte aus wirbellosen Tieren des Bachs oder Tümpels. Dazu zählen Wasserasseln, Bachflohkrebse und Köcherfliegen-Larven. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, erbeutet sie auch grössere Tiere wie Frösche, Molche und kleine Fische. Diese lähmt sie mit einem Nervengift, welches sie in ihrem Speichel produziert. Die Spitzmaus attackiert ihre Beute meist mit einem Biss in den Kopf. Das Gift dringt in die Blutbahn des Opfers ein und lähmt dessen Gliedmassen und verschlechtert gleichzeitig die Atmung.

Ihren Fang bringt sie stets an Land und verzehrt ihn auf dem Trockenen. Ihre Beutetiere haben meist harte Schalen aus Chitin oder Kalk. Um die zu knacken besitzt die Wasserspitzmaus eine besondere Waffe: gehärtete Zähne. In ihren Zahnschmelz ist Eisen eingelagert, was sich an ihrer rötlichen Färbung zeigt. Dadurch wird er noch härter und nutzt sich weniger schnell ab. Um genügend Nahrung zusammenzukriegen ist sie 12 Stunden pro Tag aktiv und das sowohl bei Tag als auch bei Nach.

Abgesehen von ihren kurzen Beinen ist die Wasserspitzmaus perfekt an das Leben am und im Wasser angepasst. Ihre Pfoten sind mit borstenartigen Haaren versehen, die sich unter Wasser abspreizen und wie Flossen funktionieren. Durch sie erhält die Maus beim Tauchen extra Schub. Mit solchen Haaren ist auch der Schwanz auf seiner ausgestattet. Ihn schlängelt sie wie einen Aussenbordmotor hin und her.

Die erstaunlichste Anpassung an das Leben im Wasser ist jedoch das Fell. Die Haare besitzen einen H-förmigen Querschnitt. Das heisst, es gibt auf beiden Seiten eines Haars eine tiefe Furche, die sich von der Wurzel bis zur Spitze zieht. In ihr bleibt die Luft bei einem Tauchgang hängen. Dadurch bildet sich ein dünner Luftfilm zwischen Fell und Wasser. Er schützt die Wasserspitzmaus vor der Kälte des Bachs.

So ausgerüstet taucht die Wasserspitzmaus zwischen drei bis zehn Sekunden, was für ein so kleines Säugetier eine sehr gute Leistung ist. Dabei erreicht sie Tiefen zwischen 30 bis 200 Zentimeter. Wegen des Luftfilms besitzt sie sehr viel Auftrieb. Damit sie nicht wie ein Korken nach oben schiesst, muss sie mit allen Vieren kräftig strampeln. Zuweilen hält sie sich auch am Grund des Bachs an Steinen fest. Am Ende des Tauchgans schüttelt sie sich oder kratzt das Wasser aus dem Fell. Wieder an der Oberfläche gönnt sie sich eine kurze Verschnaufpause von wenigen Sekunden, bevor sie erneut im Bach verschwindet.

Die Wasserspitzmaus ist jedoch nicht nur Jägerin, sondern auch Gejagte. Zwar ist sie mit bis zu 9,6 Zentimetern Körperlänge und einem Schwanz von bis zu 7,7 Zentimetern Länge die grösste Spitzmausart Europas, doch für ein sicheres und sorgenfreies Leben am Bach reicht das bei weitem nicht. Hier kriechen Ringelnattern durch das Schilf, Graureiher sind auf der Pirsch und in der Nacht lauern Schleiereulen im nächsten Baum. Sie alle haben es auf die Wasserspitzmaus abgesehen. Doch damit nicht genug. Unter Wasser stellen ihr Hechte und sogar Forellen nach. Doch nicht alle mögen Wasserspitzmäuse. Fuchs und Katze verschmähen die Tiere, weil sie einen moschusartigen Geruch verströmen.

Neben diesen Jägern besitzen Wasserspitzmäuse noch einen ganz anderen Feind: den Menschen. Viele unserer Aktivitäten schaden diesen Tieren indirekt. Durch die Landwirtschaft beispielsweise gelangen Schadstoffe wie Pflanzenschutzmittel mit dem Regen in den nächsten Bach. Die Konzentrationen dieser giftigen Substanzen sind in vielen Gewässern kritisch für einzellige Algen, Wasserflöhe und Insektenlarven und können zum Absterben dieser Organismen führen. Das kann Konsequenzen für die ansässigen Wirbeltiere haben. Denn ohne diese  Nahrungsgrundlage können auch keine Fische und keine Wasserspitzmäuse überleben.

Ebenso haben wir in den letzten zweihundert Jahren viele Flüsse und Bäche in Betonkorsette gezwängt oder sie gleich ganz unter den Boden in Röhren verlegt. Teils geschah dies aus Gründen des Hochwasserschutzes und teils, um noch mehr Land für die Bewirtschaftung zur Verfügung zu stellen. Doch solche Massnahmen haben der Wasserspitzmaus vielerorts ihren Lebensraum geraubt.

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