Frühlingsgefühle bei den Wasserspitzmäusen

März 2016, natura magazin spezial
Das Liebesleben der Wasserspitzmaus ist kurz und intensiv. Bei der anschliessenden Brutpflege kümmern sich die Weibchen nur acht Wochen lang um ihre Jungen. Dann kommt der Rauswurf.

Wasserspitzmäuse gehen nicht gerade nett miteinander
um. Doch so brutal wie im Animationsfilm
«Our wonderfulnature», geht es nicht zu und her.
Wasserspitzmäuse sind Einzelgänger, die keine Mitesser an ihrem Bachabschnitt dulden. Zu gross ist die Gefahr, dass das lokale Nahrungsangebot nicht ausreicht. Darum gehen die Tiere auf Distanz. Trotz dieser wenig sozialen Einstellung müssen sich Wasserspitzmäuse paaren, damit sie ihre Art erhalten können.

Darum macht sich ab April das Männchen auf die Suche nach einem Weibchen. Dieses ist zuerst wenig erfreut über das Eintreffen ihres Liebhabers und will ihn gleich wieder loszuwerden. Zur Begrüssung beschimpft es ihn und versucht es zähnefletschend von seinen Avancen abzubringen. Doch der Wasserspitzmaus Herr ist sich seiner Sache sicher und lässt nicht locker.

Schliesslich ergreift das Weibchen die Flucht. Das Männchen nimmt die Verfolgung auf. Während es seiner Geliebten nachjagt, stösst es Paarungsrufe aus. Dabei handelt es sich um kurz hintereinander folgende Pfeiftöne. Biologen, die das Phänomen in freier Natur beobachten konnten, beschreiben es gar als Zwitschern. Messungen haben ergeben, dass die Töne durchschnittlich 0,2 Sekunden lang sind und sich im Frequenzbereich von 7 bis 12 Kilohertz befinden. Das ist für menschliche Ohren ein sehr hoher Ton und erinnert an das Geräusch eines Marderschrecks, wie er im Auto oder an Gebäuden zum Einsatz kommt. Für unser Gehör mutet das wenig einladend an, doch für das Weibchen wirken diese Töne betörend. Schliesslich beruhigt es sich und lässt das Männchen zu sich herankommen.

Es folgt die Kopulation. Diese dauert zwischen zwei und drei Minuten. Danach ist die Aufgabe des Männchens in Sachen Familienplanung auch schon erledigt. Das Weibchen stösst einige Drohrufe aus und weist ihn so darauf hin, dass er keine weitere Verantwortung mehr hat und nicht mehr weiter willkommen ist.

Der Grund für dieses Verhalten ist wieder die Energie. Das Weibchen braucht jetzt noch mehr davon als vorher. Um ihren Nachwuchs säugen zu können, muss es täglich das Eineinalbfache ihres Körpergewichts an Futter fressen. Die Fülle an Insekten im Bach entscheidet letztlich darüber, ob der Nachwuchs lebt oder stirbt. Bei guter Futterlage kommen alle Jungen durch, weil das Weibchen dann genug Milch produzieren kann. Doch wenn es einen Engpass gibt, kann im schlechtesten Fall der gesamte Nachwuchs sterben.

Nach einer Tragzeit von 19 bis 21 Tagen kommen also zwischen 4 und 8 Junge zur Welt. Sie sind vollkommen nackt und blind und orientieren sich nur über ihren Geruchssinn.

Damit es die Grossfamilie gemütlich hat, polstert das Weibchen ihren Bau mit trockenem Laub, Moos und Gras aus. Der Nachwuchs wird schnell gross und selbstständig. Die Augen öffnen sich und das Fell beginnt zu spriessen.

Eine Grossfamilie macht natürlich auch viel Dreck. Das Weibchen ist jedoch sehr auf Sauberkeit bedacht und hat eine einfache Methode, um die Kinderstube rein zu halten: Sie frisst den Kot ihrer Jungen. Der Vorteil davon ist, dass sie die im Kot enthaltene Restenergie verwerten kann. 

Das Verhältnis zwischen Jungtieren und ihrer Mutter ist in den ersten Lebenswochen sehr innig. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die jungen Wasserspitzmäuse zur Wasseraufnahme ihrer Mutter ins Maul lecken, um an Flüssigkeit zu gelangen.

Doch das ändert sich nach 8 bis 10 Wochen. Die Jungen sind nun fast erwachsen und bereit für die Selbständigkeit. Nun sieht das Weibchen ihren Nachwuchs nicht mehr als Teil der Familie an, sondern als Nahrungskonkurrenz. Darum vertreibt es seine Jungen – falls nötig mit Bissen in den Nacken.

Nach der Brutzeit sterben die Tiere mit einem Alter von nur 14 bis 19 Monaten. Die nächste Generation ist von nun an auf sich allein gestellt. Nach dem Winter obliegt es ihrer Verantwortung sich zu vermehren und so die Population am Leben zu halten.

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